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Selbstbestimmung im Ausnahmezustand
ASF: Rotem, wenn du jemandem in wenigen Sätzen erklären müsstest, worum es bei „Kivunim“ geht – was würdest du sagen?
Rotem: Kivunim hat die Vision, eine gerechtere Gesellschaft für Menschen mit Behinderungen in Israel zu schaffen. Es geht uns dabei nicht nur um Rechte oder Barrierefreiheit. Denn selbst wenn all diese Dinge geregelt wären, müssten junge Menschen trotzdem lernen, wie man selbstständig lebt: wie man Entscheidungen trifft, wie man wohnt, arbeitet, Beziehungen führt, Hilfe organisiert und Verantwortung übernimmt. Genau dort setzt Kivunim an.
ASF: Wie sieht eure Arbeit im Alltag konkret aus?
Rotem: Das Herzstück unserer Arbeit ist das Mechina-Programm. Junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren verlassen oft zum ersten Mal ihr Elternhaus und ziehen für zwei bis drei Jahre in Wohngemeinschaften mit Gleichaltrigen. Dort lernen sie Schritt für Schritt, was sie brauchen, um später als Erwachsene möglichst unabhängig in der Gemeinschaft zu leben.
ASF: Ihr arbeitet mit sehr unterschiedlichen Menschen. Wer kommt zu euch?
Rotem: Wir arbeiten in Nahariya, Haifa und Herzliya. Unsere Teilnehmenden sind junge Menschen mit körperlichen Behinderungen, Menschen im Autismus-Spektrum sowie gehörlose und schwerhörige Menschen. Natürlich arbeiten wir sowohl mit der jüdischen als auch mit der arabischen Gemeinschaft zusammen und bauen Programme für Gruppen auf, die bisher oft zu wenig erreicht wurden. Ein aktuelles Beispiel ist ein neues Programm in Haifa für ultraorthodoxe junge Frauen mit körperlichen Behinderungen. Insgesamt erreichen wir etwa 400 bis 450 Teilnehmende pro Jahr.
ASF: Seit dem 7. Oktober 2023 befindet sich Israel im Kriegszustand. Was hat das für eure Arbeit verändert?
Rotem: Am Anfang war es ein Schock. Viele Teilnehmer/innen gingen zunächst zurück in ihre Elternhäuser aber merkten schnell, dass das auf Dauer nicht gut ist. Sie hatten sich über Jahre Selbstständigkeit aufgebaut und wollten diese nicht verlieren, nur weil Krieg ist. Die größte Herausforderung war die Sicherheit. In Städten wie Nahariya hat man bei Raketenalarm meist nur 15 Sekunden, um einen Schutzraum zu erreichen. Für jemanden mit körperlicher Behinderung ist das praktisch unmöglich. Deshalb haben wir innerhalb weniger Monate entweder Wohnungen gewechselt oder in den bestehenden Wohnungen einen eigenen Schutzraum, einen Mamad, eingerichtet.
ASF: Viele Menschen würden wahrscheinlich denken: Im Krieg ist das Wichtigste der Schutz. Du betonst aber auch sehr stark Selbstbestimmung. Warum?
Rotem: Weil Schutz nicht nur körperlicher Schutz ist. Natürlich müssen wir Menschen schützen. Aber wenn wir ihnen jede Entscheidung abnehmen, verlieren sie etwas sehr Wichtiges: das Gefühl, handlungsfähig zu sein.
Wir hatten zum Beispiel die Frage: Was tun, wenn ein junger Mensch trotz der Sicherheitslage zur Arbeit gehen will? Bei Raketenalarm ist es draußen gefährlicher als zu Hause. Und trotzdem ist es seine Arbeit, sein Alltag, seine Identität. Sagen wir ihm dann: Du darfst nicht? Kivunim vertritt den Ansatz: Autonomie bleibt Autonomie, auch in einer Krise. Wir bereiten die Person vor. Wir erklären, was bei einer Sirene zu tun ist. Wir bitten sie, uns Bescheid zu sagen, wenn sie losgeht und ankommt. Aber wir verbieten es nicht automatisch. Denn arbeiten zu gehen – das gibt ebenfalls Sicherheit. Emotionale Sicherheit. Identität.
ASF: Gleichzeitig ist der Krieg für Menschen mit Behinderungen mit zusätzlichen Herausforderungen verbunden.
Rotem: Ja, das beginnt bereits mit den Schutzräumen. Viele davon sind nicht barrierefrei. Viele Schutzräume liegen unter der Erde und haben Treppen. In älteren Gebäuden sind Türen oft sehr schmal. Für Rollstuhlfahrer/innen ist das ein Ausschluss. Aber es geht um mehr. Man muss schnell hineinkommen. Man muss die Tür und Fenster schließen können. Barrierefreiheit entsteht nicht zufällig. Wenn man Schutzräume nicht entsprechend plant, sind sie meistens nicht wirklich zugänglich.
ASF: Gibt es noch andere Hürden, an die Menschen ohne Behinderung in solchen Situationen oft gar nicht denken?
Rotem: Ja, natürlich. Ein gehörloser Mensch hört zum Beispiel nachts keine Sirene. Es gibt eine App des Heimatfront-Kommandos, die bei Raketenalarm nicht nur ein lautes Signal von sich gibt sondern auch blinkt und vibriert. Aber sie weckt nicht unbedingt jemanden aus dem Schlaf. In einem unserer Programme schliefen die Teilnehmenden deshalb gemeinsam im Schutzraum.
ASF: Vor einigen Jahren habt ihr das Smadar-Institut gegründet, das Psychotherapie für Menschen mit Behinderungen und ihre Familien anbietet. Warum war das nötig?
Rotem: Weil Menschen mit Behinderungen therapeutische Angebote brauchen, die wirklich zu ihnen passen. Ein Mensch braucht Therapie in einer Sprache, in der er oder sie sich ausdrücken kann. Es gibt zum Beispiel nicht viele Therapeut/innen, die Gebärdensprache können. Außerdem muss die Lebenserfahrung von Behinderung im therapeutischen Raum vorkommen dürfen. Menschen mit Behinderungen haben ähnliche Themen wie andere Menschen, aber sie haben auch andere Erfahrungen.
ASF: Die israelische Gesellschaft ist stark geprägt von Leistung, Militärdienst, Durchhalten und Funktionieren. Wie wirkt das auf Menschen, die diesen Erwartungen nicht entsprechen können oder wollen?
Rotem: Interessanterweise ist das Bild etwas komplexer. Natürlich haben wir Teilnehmende, die große Angst haben, das Haus kaum verlassen oder mit geschlossener Schutzraumtür schlafen. Aber manchmal entstehen auch Chancen: In Phasen, in denen viele Menschen im Reservedienst waren und Arbeitskräfte fehlten, fanden einige unserer Teilnehmenden leichter Arbeit, zum Beispiel beim Einräumen von Regalen im Supermarkt.
Und mir fällt noch ein anderes Beispiel ein: Kurz nach Ausbruch des Krieges erhielten wir von einer pleitegegangenen Spielwarenhandlung eine große Spende an Spielzeug. Mit so viel Spielzeug konnten wir selbst gar nichts anfangen. Wir beschlossen, die Spiele zu sortieren und an an verschiedene Schutzräume im Norden des Landes verschicken, wo Kinder oft stundenlang bleiben mussten. Unsere Teilnehmenden waren in diesem Moment nicht nur Menschen, die Hilfe brauchen. Sie konnten etwas geben. Darum fragen wir heute nicht mehr: Wie überstehen wir diese Phase? Stattdessen überlegen wir: Wie lernen wir, mit Unsicherheit zu leben? Denn wir wissen nicht, wann die nächste Krise kommt.
ASF: Kivunim arbeitet in einer Gesellschaft mit vielen Sprachen, Religionen und kulturellen Zugehörigkeiten. Welche Rolle spielt diese Vielfalt?
Rotem: Für viele Teilnehmende ist Kivunim eine Möglichkeit, aus der eigenen Blase herauszukommen. Behinderung schafft manchmal einen gemeinsamen Raum, der Sprache, Kultur, Religion, Geschlecht oder soziale Herkunft überschreitet. Aber während des Krieges ist es auch bei uns schwieriger geworden. Auch bei uns hören wir heute mehr rassistische Äußerungen, besonders gegenüber Araber/innen. Manchmal versteht ein Teilnehmender nicht, dass ein Satz wie „Tod den Arabern“ auch seinen Nebensitzer oder den arabischen Mitarbeiter trifft. Wir versuchen, dem aktiv zu begegnen. Wir wollen gemeinsame Räume schaffen, in denen Kulturen sichtbar werden und Menschen einander begegnen.
ASF: Ein besonderer Bereich eurer Arbeit betrifft Menschen mit Behinderungen, die auch LGBTQ+ sind. Warum braucht es dafür eigene Angebote?
Rotem: Weil viele Menschen doppelt ausgeschlossen werden. In der LGBTQ+-Community werden Menschen mit Behinderungen oft nicht wirklich gesehen. Und in Gruppen von Menschen mit Behinderungen werden queere Identitäten nicht immer akzeptiert. Wir haben über die Jahre gemerkt, dass der Auszug aus dem Elternhaus oft auch ein Moment ist, in dem Identitätsfragen stärker werden. Wer bin ich? Wie will ich leben? Gerade Menschen im Autismus-Spektrum stellen sich in dieser Phase relativ häufig Fragen rund um die eigene Geschlechtsidentität. Deshalb haben wir gemeinsam mit Organisationen aus der queeren Community spezielle Angebote entwickelt.
Ich denke an einen jungen Mann aus einer ultraorthodoxen Familie. Als er zu uns kam, hatte er bereits begonnen, religiös einen anderen Weg zu gehen. Später merkte er auch, dass er schwul ist. Seine Familie musste ihn gewissermaßen dreimal neu annehmen: als Kind im Autismus-Spektrum, als säkular gewordenen Sohn und als schwulen Mann. Das war ein langer Prozess. Heute studiert er in Haifa und baut sich sein Leben auf. Solche Geschichten zeigen, warum Begleitung so wichtig ist.
ASF: Wenn die Leser/innen nur eine Botschaft aus diesem Gespräch mitnehmen sollen, welche wäre das?
Rotem: Die israelische Gesellschaft braucht den Kontakt zu Menschen von außen und für unsere Teilnehmenden ist der Kontakt zu den ASF Freiwilligen heute vielleicht wichtiger denn je zuvor. Sie sind keine Autoritätspersonen sondern begegnen ihnen auf Augenhöhe und werden ihre Freunde. Für viele unserer Jugendlichen ist es das erste Mal, dass sie eine tiefe Verbindung zu jemandem aufbauen, der nicht aus Israel kommt.
Und für die ASF-Freiwilligen ist es eine Möglichkeit, die israelische Gesellschaft kennenzulernen. Nicht nur das Bild aus Medien oder Politik. Unter diesen Schichten gibt es sehr viele gute und engagierte Menschen, die wollen, dass Israel ein guter Ort wird. Diese Brücken zwischen den Ländern sind heute wichtiger denn je.
Das Interview führe Uriel Kashi, LBA in Israel