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Gedenkengottesdienst zum Internationalen Holocaust-Gedenktag
Beitrag von Uriel:
Jeden Schabbat werden in der Synagoge zwei biblische Texte gelesen, die in einem inneren Zusammenhang zueinander stehen. Zum einen die sogenannte Parascha, also ein festgelegter Wochenabschnitt aus der Tora, zum anderen eine ergänzende Lesung aus den prophetischen Schriften, die sogenannte Haftara.
In dieser Woche steht die Parascha Beschalach auf dem Leseplan. Beschalach bedeutet übersetzt „als [er] ziehen ließ“. Der Ausdruck stammt aus dem ersten Vers des Abschnitts: „Und es geschah, als der Pharao das Volk ziehen ließ …“. Erzählt wird hier der Beginn des Auszugs der Israelit/innen aus der ägyptischen Sklaverei – der Weg in die Freiheit und zugleich die enorme Unsicherheit, die dieser Übergang mit sich brachte.
Kombiniert wird diese Toralesung mit einer Passage aus dem Buch der Richter. Sie erzählt von der Prophetin und Richterin Debora und vom Sieg über Sisera, den Oberbefehlshaber der kanaanitischen Streitkräfte. Sisera steht im Dienst des Königs Jabin von Kanaan, unter dessen Herrschaft die israelitische Bevölkerung über Jahre hinweg unterdrückt und militärisch eingeschüchtert wurde.
Auf den ersten Blick scheinen diese beiden Texte wenig miteinander zu tun zu haben. Allerdings fällt auf, dass in beiden Erzählungen Frauen eine entscheidende Rolle spielen. In der Exodusgeschichte ist es Mirjam, die Schwester des Moses. Ihr verdankt Moses sein Überleben, als er als Säugling im Nil ausgesetzt wird. Später wird Mirjam ausdrücklich als Prophetin bezeichnet. Nach dem Durchzug durch das Schilfmeer führt sie die Frauen Israels mit Pauken, Tanz und Gesang.
In der Haftara sind es Debora und Jaël. Debora ist eine politische und moralische Autorität in einer Zeit ohne staatliche Ordnung. Menschen kommen zu ihr, um Recht zu suchen. Sie benennt die kanaanitische Herrschaft als Unrecht und ruft zum Handeln auf. Jaël wiederum ist keine Führungsfigur, sondern eine Einzelne, die im entscheidenden Moment Verantwortung übernimmt, indem sie Sisera tötet und damit den Machtapparat der Unterdrückung zum Einsturz bringt.
Viel wichtiger ist jedoch, dass beide Texte ein Grundthema aufgreifen, das für jüdisches Denken über viele Jahrhunderte hinweg zentral sein wird: den Übergang von Knechtschaft zu Freiheit. Dabei setzen sie ihren Schwerpunkt jedoch auf unterschiedliche Herausforderungen dieses Übergangs.
Die Exodusgeschichte richtet den Blick vor allem nach innen. Sie fragt danach, was Befreiung mit den Befreiten selbst macht. Kaum ist der Durchzug durch das Schilfmeer vollzogen, beginnen Angst, Zweifel und Klage. Es fehlt an Wasser, an Nahrung, an Orientierung. Freiheit erscheint hier nicht als stabiler Zustand, sondern als ein riskanter Prozess, der Unsicherheit und – mit dem Empfang der Gebote – auch Verantwortung mit sich bringt. Die zentrale Frage lautet: Wie lernt ein versklavtes Volk, frei zu werden? Freiheit erscheint als Lernprozess, als Zumutung, als etwas, das eingeübt werden muss.
Bemerkenswert ist auch, wie die jüdische Tradition mit der Tatsache umgeht, dass die Rettung Israels mit dem Untergang der ägyptischen Verfolger verbunden ist. Ein rabbinischer Midrasch berichtet, dass die Engel beim Untergang der Ägypter im Meer ein Freudenlied anstimmen wollten. Gott weist die Engel zurecht und fragt: ‚Meine Geschöpfe ertrinken im Meer, und ihr wollt singen?‘
Diese ethische Perspektive prägt bis heute den Pessachseder. Beim Aufzählen der zehn Plagen wird jeweils ein Tropfen Wein aus dem Becher vergossen. Der Wein steht im Judentum für Freude und Fülle. Indem der Becher symbolisch vermindert wird, wird sichtbar gemacht: Unsere Freude über die eigene Befreiung ist getrübt, weil sie mit dem Leid anderer Menschen verbunden ist. Diese Erzählweise ist theologisch hochbedeutsam. Der Fokus liegt auf Demut und moralischer Selbstbegrenzung. Menschliches Leid bleibt Leid, unabhängig davon, auf welcher Seite es geschieht. Befreiung wird nicht triumphal verklärt, sondern moralisch reflektiert.
Im Buch der Richter verschiebt sich dieser Fokus deutlich. Israel ist nicht mehr auf der Flucht. Es lebt im eigenen Land. Und dennoch gibt es erneut Unterdrückung. Auch Debora agiert selbstkritisch, doch hier geht es weniger um die innere Entwicklung der Befreiten als um die Verantwortung jedes Einzelnen, die erlangte Freiheit gegen äußere Feinde zu schützen und zu verteidigen. Nach dem Sieg gegen Sisera stimmt Debora kein klassisches Siegeslied an. Stattdessen kritisiert sie die Passivität der Stämme Ruben, Gilead und Ascher, die abseits standen und sich nicht an der Verteidigung der Freiheit beteiligten.
Ich zitiere: „Bei Ruben große Entschlüsse des Herzens.
Warum bliebst du sitzen zwischen den Hürden,
um das Pfeifen bei den Herden zu hören?“
Debora macht deutlich, dass Freiheit nichts Abgeschlossenes und nichts dauerhaft Gesichertes ist. Freiheit kann dort sehr schnell zerfallen, wo Menschen sich mit Abwarten begnügen, wo Neutralität zur Tugend erklärt wird. Nicht der äußere Feind steht im Zentrum der Kritik, sondern das Schweigen der eigenen Gemeinschaft.
Im Gedenken an die Shoa am 27. Januar wird deutlich, dass diese Texte auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.
Der Auszug aus Ägypten war von der Hoffnung auf eine dauerhafte, gesicherte Freiheit begleitet. Ebenso hofften Jüdinnen und Juden nach der Shoa, dass mit der Befreiung der Lager der Antisemitismus ein Ende gefunden habe. Dass der Zivilisationsbruch eine Grenze markiere, hinter die die Menschheit nicht mehr zurückfallen könne. Auch in Deutschland hofften viele Menschen, der Holocaust sei ein Wendepunkt gewesen, die Demokratie nun gesichert, ein Rückfall in autoritäres Denken dauerhaft verhindert.
Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. So wie die Bibel erzählt, dass Unterdrückung auch nach der Befreiung wiederkehrt, erleben wir heute erneut einen weltweiten Anstieg des Antisemitismus. Er betrifft Jüdinnen und Juden in der Diaspora oder er richtet sich diffamierend gegen den Zionismus oder den Staat Israel. Er äußert sich offen und aggressiv, aber auch subtil, relativierend und delegitimierend.
Das bedeutet nicht, dass der Staat Israel von der Pflicht entbunden wäre, sein eigenes Handeln moralisch zu reflektieren. Im Gegenteil: Das Buch Exodus zeigt, dass die biblische Tradition keine unkritische Selbstrechtfertigung kennt. Schon nach dem Auszug aus Ägypten wird die Fähigkeit zu moralischem Handeln immer wieder hinterfragt und eingefordert. Die Wahrung der Würde des Anderen, Selbstprüfung und Verantwortung gehören untrennbar zum jüdischen Denken.
Aber am Holocaust-Gedenktag stellt das Debora-Lied uns allen noch eine andere, vielleicht ebenso unbequeme Frage:
Was geschieht, wenn wir unsere Verantwortung nicht wahrnehmen?
Was geschieht, wenn wir Antisemitismus als Problem anderer betrachten?
Was geschieht, wenn wir pauschale, hetzerische Vorwürfe gegen Jüdinnen und Juden, gegen den Zionismus oder gegen Israel hören und schweigen – und damit die Würde von Jüdinnen und Juden verletzen?
Wo handeln wir, und wo stehen wir abseits und ähneln damit Ruben, Gilead oder Ascher?
Das Buch der Richter erlaubt keine bequeme Position der Unbeteiligtheit. Es macht deutlich: In Situationen existenzieller Bedrohung ist Neutralität keine moralische Mitte. Sie ist Teil des Problems. Freiheit braucht Menschen, die sie schützen, benennen, verteidigen und solidarisch einstehen.
Dass junge Menschen wie Daniel im Rahmen von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste ein Jahr ihres Lebens dieser Solidarität widmen, ist ein Zeichen gelebter Verantwortung – und erfüllt uns mit Dankbarkeit und Hoffnung.
Die Texte der Bibel lassen uns mit ihren Fragen nicht in Ruhe. Und vielleicht ist genau das ihre bleibende Kraft. Sie erinnern uns daran, dass Erinnerung ohne Verantwortung leer bleibt – und dass Freiheit immer wieder neu verteidigt werden muss