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Gedenkengottesdienst zum Internationalen Holocaust-Gedenktag
Beitrag von Daniel:
Seit vier Monaten leiste ich meinen Freiwilligendienst in Yad Vashem. Ich bin hier mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Diese Organisation hat sich der Erinnerungskultur verschrieben. In Deutschland ist die Erinnerungskultur sehr wichtig. Seit ich in Israel bin, habe ich gemerkt, dass sie hier noch wichtiger ist und auch ziemlich anders. Zum Beispiel zeigt sich das an der architektonischen und didaktischen Gestaltung des Holocaust-Museums. Das erste, was man als Besucher im Museum sieht, ist eine Videoinstallation, die jüdisches Leben in Europa vor der Machtergreifung der Nazis collagenartig zeigt. Am besten in Erinnerung bleibt mir dabei ein Kinderchor aus Munkács in der heutigen Ukraine, der die Hatikwa singt. Anschließend geht man eine kurze Rampe runter, hinab in die Katastrophe. Ganz am Ende der Ausstellung, nach allen Gräueltaten der Holocaust, begegnet man dem Kinderchor nochmals. Und lernt: Von diesen Kindern, die von der jüdischen Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit im eigenen Land sangen, hat kaum Eines überlebt. Der Weg führt dann wieder etwas bergauf, und man tritt auf eine Aussichtsterasse mit Blick über die Berge von Jerusalem. Auf das Land, in das sich die Kinder von Munkacs gewünscht haben und das viele von ihnen nie betreten durften. Dieser Weg und der Ausblick am Ende lassen eindringlich begreifen: Es liegt jetzt an uns als Besuchern, Verantwortung zu übernehmen. Es ist, als ob das Museum selbst eine Aufforderung an seine Besucher richtet: Die israelischen Besucher werden aufgefordert, das Land, von dem die Kinder von Munkacs geträumt haben, mit Leben zu füllen und zu beschützen. Jüdische Besucher werden aufgefordert, die jüdische Kultur und Religion, die im Holocaust ausgelöscht werden sollte, weiterzuleben. Yad Vashem legt großen Wert darauf, Geschichten von Jüdinnen und Juden zu erzählen, die sich während des Holocaust nicht zu Opfern machen ließen, sondern auch (oder gerade) unter den schwierigsten Bedingungen ihr Jüdisch-Sein gelebt haben. Sie zeigt aber auch, wie die jüdische Tradition den Menschen damals Kraft gegeben hat.
In der Synagoge von Yad Vashem wurde z.b. vor ein paar Wochen eine neue Ausstellung zum jüdischen Kalender eröffnet. Zu jedem wichtigen Fest werden Geschichten erzählt von Verfolgten, die in Lagern, im Versteck oder auf der Flucht trotz allem diese Feste gefeiert haben. Mich erinnerte das an die sechs Geiseln, die im Dezember 2023 in den Tunneln unter Gaza Chanukka gefeiert haben. Und das erinnert mich an unsere heutigen beiden Bibeltexte, die schließlich zentrale Erinnerungslieder enthalten: das Mirjam-Lied und das Deborah-Lied. Erinnern durch Kultur war und ist also sehr zentral für das Judentum. Aber zurück zu Yad Vashem. Meine persönliche Verantwortung als deutscher Freiwilliger in Yad Vashem sehe ich vor allem darin, der riesengroßen Bereitschaft zur Versöhnung und Freundschaft, die in Israel gegenüber Deutschland bestand und besteht, ein bisschen gerecht zu werden. Ich kann nur darüber staunen, wie die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich, Polen oder vor allem Israel so schnell so gut geworden sind. Deutschland wird hier nicht als Feind der Vergangenheit, sondern als Freund der Gegenwart wahrgenommen, so mein Eindruck. Dass so etwas möglich war und ist, macht ein bisschen Hoffnung für die mit so viel Hass aufgeladenen aktuellen Konflikte in der Region. Aus der Erinnerung muss Verantwortung folgen, diese Botschaft ist natürlich auch Teil des deutschen Holocaust-Gedenkens. Aber in Israel ist das eben viel konkreter fassbar. Denn Yad Vashem ist keine isolierte Gedenkstätte. Sie befindet sich auf dem Har haZikaron, wo auch der zionistischen Pioniere und der gefallenen Soldatinnen und Soldaten gedacht wird. Und wer den „Interconnecting Path“ von Yad Vashem zum Herzl-Grab abgeht, erkennt: Die Staatsgründung Israels war kein Happy End der Shoah. Sie war weder „happy“ noch „end“, denn so viele Jüdinnen und Juden mussten in den Folgejahren bei der Verteidigung ihrer Freiheit ihr Leben lassen.
Mich beeindruckt die kollektive Erinnerung, wie sie in Israel gelebt wird. Sie ist omnipräsent. Ein Beispiel: Für eine Social Media-Aktion zum 27. Januar sammelt ASF Beiträge zur Erinnerungsarbeit an unterschiedlichen
Gedenkorten, unter anderem mit der Frage: „Warum ist es heute wichtig, an die NS-Verbrechen zu erinnern?“. In Deutschland muss man das begründen angesichts dessen, dass laut manchen Umfragen mehr als die Hälfte der Bevölkerung immer noch oder schon wieder den berühmten „Schlussstrich“ fordert. In Israel hingegen ist die Antwort klar. „Warum ist es heute wichtig, an die NS-Verbrechen zu erinnern?“ Weil sonst mein Opa in Vergessenheit gerät. Meine Tante. Meine Schwester.
In Wahrheit sind aber auch wir Deutschen von den Folgen der nationalsozialistischen Terrorherrschaft tief geprägt. In den allermeisten Familien gibt es Verluste – an Angehörigen, an Heimat, an Chancen und Lebensglück; aber dazu gibt es eben in den allermeisten Familien irgendwo auch die Schuld. Benannte Schuld und die nie ans Licht gekommene, gesühnte Schuld und die nie zur Verantwortung gezogene. Auch darüber lerne ich in Yad Vashem sehr viel, wenn ich die Gerichtsakten aus den 50er- und 60er Jahren lese. Familien zerfallen, weil der Vater jahrelang in Internierungshaft ist, es ist niemand da, um den Hof zu bestellen, weil alle im Krieg gefallen sind, Menschen zerbrechen an ihren eigenen Taten. Das entschuldigt natürlich nichts, sondern macht es im Gegenteil umso wichtiger, dass wir uns klar machen: Das ist unsere Geschichte. Dass sie sich niemals wiederholt, ist unsere Verantwortung. Auch wenn die Erinnerung in Israel und Deutschland unterschiedlich gestaltet ist, gilt das für beide Länder gleichermaßen. Einen Schlussstrich können wir uns alle nicht leisten.