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Nir Oz: Trauma, Resilienz und die Frage nach der Zukunft

Ein prägender Tag unserer ASF-Studienreise war der Besuch im Grenzgebiet zum Gazastreifen, im Kibbutz Nir Oz. Dort trafen wir Efrat Machikawa, ehemalige Sprecherin der Geiseln mit deutscher Staatsbürgerschaft, die uns die Ereignisse vom 7. Oktober und ihre Folgen aus der Perspektive der betroffenen Gemeinschaft schilderte.

ASF Studienreise in Nir Oz
ASF Studienreise in Nir Oz

Nir Oz, eine Gemeinschaft mit rund 400 Bewohner/innen, verlor am 7. Oktober mehr als 76 Menschen; viele weitere wurden entführt. Nahezu 90 Prozent der Häuser wurden zerstört, über 60 Prozent vollständig niedergebrannt. Die Bilder von verkohlten Häusern, zerstörten persönlichen Gegenständen und verwüsteter Infrastruktur vermitteln noch heute das Ausmaß der Gewalt. Gleichzeitig steht die Gemeinschaft vor schwierigen Entscheidungen: Welche Ruinen sollen als Mahnmal erhalten bleiben, welche abgerissen werden, um Platz für den Wiederaufbau zu schaffen?

Efrat berichtete auch von individuellen Schicksalen – von stundenlangem Ausharren in Schutzräumen, von Nachbar/innen, die ermordet oder verschleppt wurden, von Familien, die in ihren sogenannten sicheren Räumen getötet wurden. Diese Geschichten machen deutlich, wie zufällig Überleben und Tod an jenem Tag verteilt waren und wie tief die Traumata bis heute wirken.

Ein zentraler Gedanke, den Efrat Machikawa uns mitgab, ging über die unmittelbare Beschreibung von Zerstörung und Trauma hinaus. Sie betonte, dass langfristige Stabilität in der Region nicht allein durch militärische Sicherheit erreicht werden könne. Sicherheit sei notwendig, aber nicht hinreichend.

Wenn man nachhaltige Stabilität wolle, müsse massiv in Bildung investieren – auf beiden Seiten. Bildung bedeute dabei mehr als Schulunterricht. Es gehe um Wertevermittlung, um die Stärkung kritischen Denkens, um die Förderung von Empathie und um die bewusste Zurückweisung extremistischer Ideologien. Kinder seien nicht mit Hass geboren, so ihr Gedanke. Entscheidend sei, welche Narrative, welche Bilder vom „Anderen“ und welche Zukunftsperspektiven ihnen vermittelt würden.

Im Anschluss trafen wir Keren Pardo, Koordinatorin für Freiwilligendienst und Jugendbewegungen in der Kibbutzbewegung.

Sie gab uns einen Überblick über die Struktur der Bewegung, die 259 Kibbutzim in Israel vertritt, darunter auch neue städtische Modelle. Historisch als kollektivistische Utopien gegründet, haben sich die meisten Kibbutzim heute zu Mischformen entwickelt: individuelle wirtschaftliche Verantwortung der Mitglieder bei gleichzeitigem gemeinschaftlichem Eigentum an zentralen Einrichtungen wie Speisesälen oder Bildungseinrichtungen.

Keren erzählte, viele Kibbutzim lägen bewusst in Grenzregionen und erfüllten von Beginn an auch eine sicherheitspolitische Funktion. Die Angriffe vom 7. Oktober trafen zahlreiche dieser Gemeinden schwer. Die Bewegung reagierte mit Notfallstrukturen, organisierte Unterkünfte für Inlandsflüchtlinge und koordinierte Unterstützung in der Landwirtschaft.

Ein wichtiger Punkt in Kerens Ausführungen betraf die internationale Wahrnehmung Israels seit dem 7. Oktober. Sie schilderte, dass im Ausland häufig nicht klar zwischen der israelischen Regierung und der israelischen Zivilgesellschaft unterschieden werde. Gerade zivilgesellschaftliche Akteur/innen, Bildungsinitiativen und Bewegungen wie die Kibbutzbewegung, die sich seit Jahrzehnten für Demokratie, Gleichberechtigung und Friedenserziehung einsetzen, gerieten dadurch in eine schwierige Lage. Internationale Partnerschaften würden aus politischen Gründen ausgesetzt – selbst dann, wenn die beteiligten Organisationen ausdrücklich für Dialog und demokratische Werte stünden.

Keren betonte daher, wie wichtig es sei, gerade in dieser Phase Solidarität differenziert zu denken: Kritik an politischen Entscheidungen könne und dürfe geäußert werden, doch zugleich müsse die Unterstützung für zivilgesellschaftliche Strukturen, für Bildungsarbeit und für demokratische Initiativen aufrechterhalten werden. Für die Kibbutzim und ihre Jugend- und Freiwilligenprogramme bedeute internationale Zusammenarbeit nicht nur praktische Hilfe, sondern auch ein Signal: dass demokratische Kräfte und engagierte Gemeinschaften nicht isoliert werden. Solidarität sei in diesem Sinne kein unkritisches Bekenntnis, sondern eine bewusste Stärkung von Austausch, Bildung und gesellschaftlicher Resilienz.

Weitere Bilder aus Nir Oz finden sich auf unserer Instagram-Seite.